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Von der Kunst mutig zu sein

Die Evolution des Seins

Für die meisten Menschen ist es wohl selbstverständlich, mit Veränderungen zu leben. Schauen wir zurück, ist unser ganzes Leben davon geprägt. Schauen wir aber nach vorne und fragen, ob jemand Lust auf ein paar Veränderungen mehr hat, meldet sich kaum jemand freiwillig. Transformationen nerven! Wir lieben unsere Muster, denn diese sind ja bereits ein Resultat von Neuerschaffungen, und für diese mussten wir einen Preis bezahlen. Und doch muss es weitergehen mit uns als Menschheit, und so gehen zumeist ein paar Freiwillige mutig in das noch unbekannte Land, während andere den Status pflegen. Beide sind wichtig, damit das allgemeine Tempo stimmt.

Über diese individuellen Prozessespannen sich große, tiefgreifende und kollektive Transformationen. Vor fast 700 Jahren löste sich die Zeit des Mittelalters mit der Pestpandemie und dem Hundertjährigen Krieg in Europa langsam auf. Die damaligen Strategien zur Bewältigung von Umweltveränderungen kollabierten und es mussten neue Perspektiven und Überzeugungen her. Die Zeit der Aufklärung und damit der Vernunft bahnte sich ihren Weg und mündete geradewegs in die Industrialisierung. Der Mensch wurde zum rational denkenden und handelnden Wesen erklärt.

Die Ära der Normierung war die Chance, das Chaos der natürlichen Umwelt in den Griff zu bekommen.

Mit Erfolg! Wir Menschen wuchsen quasi über uns selbst hinaus. Es sieht zurzeit danach aus, als müssten wir unsere Strategien wieder überdenken, denn unsere natürlichen Ressourcen schwinden bei steigender Weltbevölkerung. Wir verlassen nun das analog-mechanische Weltbild und treten ein in die Epoche des digitalen Zeitalters. Die Menschheit hat unter anderem dank des Internets das digitale Prinzip der Gleichzeitigkeit und Wechselwirkung erkannt. Wir beobachten Phänomene in einem System, die keinen kausalen Zusammenhang aufweisen. Bislang haben wir geglaubt, dass es immer eine direkte Verbindung zwischen Eingabe und Ausgabe gibt. Ich mache A und es passiert B – und morgen wieder. Das ist das analog-mechanische Weltbild, aus dem wir alle kommen. Das Prinzip der Gleichzeitigkeit meint, ich mache A und es passieren C und D und F – und morgen garantiert ganz anders. Eine systemische Betrachtung unserer Welt ist die Frage nach den Beziehungen, in denen die einzelnen Akteure miteinander stehen. Wer korrespondiert wie mit wem?

Diese gravierende Veränderung fordert uns in allen Dimensionen heraus. Seien es politische Systeme, gesellschaftliche, kulturelle oder wirtschaftliche. Denn noch sitzen wir auf den soliden Strukturen der post- industriellen Ära. Doch diese werden immer stärker herausgefordert. Die Komplexität aufgrund der hohen Vernetzungsdichte steigt. Es gelingtimmer weniger, „etwas“ im Griff zu behalten. Unvorhergesehene Akteure betreten die Bühne und verlangen Aufmerksamkeit. Sie schaffen den berühmten Faktor X in allen statischen Planungen.

 

Was für die einen ein Fluch ist, ist für die anderen ein Segen. Sie kreieren ganz neue Geschäftsmodelle, weil sie die Vielfalt im Menschen sehen. Wenn Sie einen Kunden lediglich für einen Kunden halten, verpassen Sie vielleicht die Chance auf neue Angebote. Machen Sie es doch z. B. wie Uber. Sie sehen in jedem Menschen mit einem Fahrzeug auch einen Taxifahrer. Airbnb sieht Apart- mentvermieter. AmEx sieht in seinen Kunden gute Berater für andere Kunden. Wikipedia sieht Wissende und Experten. Spotify sieht Menschen als gute Empfehler von Musik- listen. Kickstarter sieht in jedem Menschen Investoren. Was können „Kunden“ noch alles sein? Diese Frage birgt gerade für mittelständische Unternehmen riesige Potenziale, denn sie berührt alle Lebensbereiche. Zumeist sind es die Unternehmen, die schneller und flexibler reagieren können und über eine größere Nähe zu ihren Systemakteuren verfügen.

Keine Frage, wir werden in Zukunft noch viel mehr dieser Plattform-Angebote erleben. Es gelingt den Machern, „mehr zu sehen“. Sie lösen Grenzen auf, die wir uns selbst setzen. Sie erkennen, dass alles mit allem in einer Beziehung steht, und leisten damit auch dem Wohle der Menschheit einen großen Dienst. Sobald wir unsere Existenz als eine Existenz innerhalb eines Systems verstehen, können wir auch systemisch Einfluss auf unsere Umwelt nehmen. Wir können dann sehen, dass wir ein „Teil“ sind, auf das es ankommt.

Für die Führung von Organisationen hält diese Zeitenwende in Richtung Zukunft besondere Aufgaben bereit. Führung heißt künftig die gute Moderation von heterogenen Gruppen. Diese brauchen „lediglich“ ein sinnstiftendes Angebot und zugleich alle Voraussetzungen, um prosperieren zu können. Denn wachsen möchte jeder. Selbst wenn es Veränderung bedeutet.

Klingt ein wenig idealistisch? Nur dann, wenn die Grenze zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern in den Köpfen noch existiert. Nicht jeder möchte Unternehmer sein, aber jeder möchte sein Talent ausprägen und dieses in den Dienst einer Sache von größerer Bedeutung stellen. Was kann das für eine große Sache sein? Zum Beispiel eine visionäre Idee. Eine Idee, die alle kreativen Kräfte mobilisiert und die Grenze des Machbaren weiter zu verschieben hilft. Darauf darf man auch stolz sein und andere dazu bewegen, es gleichzutun. So wird Veränderung nicht zur Bürde, sondern zur Motivation. Und diese wirkt erst recht ansteckend. Zukunft ist das, was wir daraus machen. Und es ist nur dann eine gute Zukunft, wenn wir niemanden in unserem großen System dabei zurücklassen.

Über den Autor: Kim Christopher Birtel arbeitet als freier strategischer Planer und Mediator in Veränderungsprozessen. Seit 2014 begleitet er unter der Führung der Ruess Group die Schubert- Gruppe. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bestimmungsprozesse, Führungs- kompetenzen und Strategieberatung

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